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Von der Möglichkeit zur Nummer eins
Interview zu 15 Jahren Jazz-Fabrik mit Stephan A. Dudek
Neben der 150 Jahre alten Adam Opel AG feiert 2012 noch ein weiteres Rüsselsheimer Aushängeschild Jubiläum: Seit 15 Jahren sorgt die „Jazz-Fabrik“ dafür, dass Rüsselsheim überregional nicht länger allein als Automobil-, sondern auch als Jazz-Stadt wahrgenommen wird. Zudem stehen in diesem Jahr auch noch 30 Jahre Folk- und Jazzclub „Dorflinde“, fast 20 Jahre „Jazzcafé“ im „Rind“ und zehn Jahre „re:jazz“ ins Haus. Das Publikum kann sich aus diesem Anlass erneut auf ein hochkarätiges Programm freuen, das, wie gewohnt, auch wieder einige Stars der internationalen Jazz-Szene nach Rüsselsheim bringt.
So ist der Bassist William Parker bei einem seiner extrem seltenen Gastspiele in Deutschland zu sehen, ebenso wie Rudresh Mahanthappa, den viele momentan für den wichtigsten Saxophonisten weltweit halten. Und auch Kooperationen mit Institutionen aus dem Rhein-Main-Gebiet, etwa die jährliche Zusammenarbeit mit der hr-Bigband, werden weitergeführt. Das Jubiläumskonzert am 20. März. wird mit Maceo Parker traditionell ein „alter Bekannter“ bestreiten. Los geht es schon am 26. Januar mit dem William Parker Quartet. Vorab hat rüsselsheim bewegt die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Künstlerischen Leiter und „Erfinder“ der „Jazz-Fabrik“, Stephan A. Dudek, genutzt.
FRAGE: Wie entstand damals die Idee zur „Jazz-Fabrik“?
DUDEK: Zu der Zeit passierte in Rüsselsheim ja schon jede Menge in Sachen Jazz. Die „Dorflinde“ veranstaltete seit 15 Jahren eigene Konzerte, und auch die „IKS Big Band“ gab es bereits seit 1986. Historisch betrachtet reicht diese Tradition sogar noch weiter zurück, denn auch die „Dorflinde“ war ja erst in der Nachfolge der Reihe „Jazz im Park“ aus den 70er Jahren entstanden. Ich habe selbst noch Fotos zuhause, die ich seinerzeit als junger Presseberichterstatter geschossen habe. Da also schon ein jazz-affines Publikum vorhanden war, bin ich mit dem Vorschlag an das Kulturamt herangetreten, diese Aktivitäten unter einem Dach zu bündeln und Rüsselsheim überregional noch stärker als Jazz-Stadt zu positionieren. Das fand sofort großen Anklang, zumal neben dem damaligen Kulturamtsleiter Kurt Röder auch Heinz Zettl von der Adam Opel AG die Idee unterstützte.
FRAGE: Waren Sie selbst denn schon länger ein echter Jazz-Experte?
DUDEK: Damals noch ganz und gar nicht. Ich kannte mich zwar einigermaßen in der Geschichte und den Stilistiken des Jazz aus, einen wirklichen Jazz-Background hatte ich aber nicht. Als Jugendlicher habe ich eher Rockmusik gehört, bin dann mit 20 zum ersten Mal zum Jazz-Festival nach Montreux gefahren. Dort war gerade Fusion-Jazz angesagt, das hat mir den Wechsel vom Rock zum Jazz doch sehr erleichtert. Ich drücke es einmal so aus: Zu der Zeit war Jazz für mich eine Möglichkeit, heute ist es klar die Nummer eins. Das hat sich mittlerweile sogar schon in die nächste Generation fortgesetzt, denn mein 16-jähriger Sohn spielt inzwischen Saxophon bei den „Swing Kids“.
FRAGE: Von wo kam anfangs die entscheidende Unterstützung für die „Jazz-Fabrik“?
DUDEK: Ganz entscheidend war natürlich das Kulturamt, heute Kultur123. Die in den Anfangszeiten zuständige Dezernentin Otti Geschka hat das Projekt sehr unterstützt. Ohne Kultur123 wäre es uns auch heute nicht möglich, mit großen Konzerten in einer Liga mitzuspielen, die einer absolut professionellen Betreuung bedarf. Das reicht vom Booking bis zum Personalbedarf bei den einzelnen Veranstaltungen. Ich frage mich bei dem Riesenaufwand, den das alles erfordert, manchmal selbst, wie das mit der doch überschaubaren Zahl an Leuten eigentlich klappt. Wichtig war auch, dass uns mit dem Künstleragenten Gert Pfankuch aus Hofheim ein absoluter Kenner der Szene unter die Arme gegriffen und mit seinen Kontakten sehr geholfen hat. Opel war mit seinen eigenen Veranstaltungen in den ersten Jahren natürlich auch wichtig, dazu mit dem „Rind“, der „Dorflinde“ und die IKS-Bands die Protagonisten, die bis heute dabei sind.
FRAGE: War Ihnen von Beginn an klar, welche Dimensionen das Ganze einmal erreichen würde?
DUDEK: Damit haben wir wohl alle nicht gerechnet. Ich hatte vorab schon immer einen Auftritt von Bill Frisell als ganz großen Wunsch für die Zukunft in meinem Kopf – Tatsächlich spielte der dann 1997 schon das zweite Konzert im Rüsselsheim. Maceo Parker, den uns Gert Pfankuch für den Auftakt organisiert hatte, erwies sich als idealer Eisbrecher für die Veranstaltung. Deshalb hatten wir ihn bislang auch bei jedem Jubiläum wieder als Gast. Der Stellenwert, den wir heute erreicht haben, ist mir im vergangenen Jahr deutlich geworden, als mich ein älterer Herr ansprach und fragte: „Wie schafft ihr das nur, in Rüsselsheim regelmäßig so etwas auf die Beine zu stellen, was wir in Frankfurt nie hinkriegen?“
FRAGE: Gibt es trotzdem noch Wünsche oder Visionen für die Zukunft?
DUDEK: Da gibt es noch genug, die Ideen nehmen eigentlich kein Ende. Ich sehe in der „Jazz-Fabrik“ noch ein riesiges Potenzial, aber natürlich ist auch nicht immer gleich alles auf Anhieb machbar. Es geht ja immer um Geld, Räume und Personal. Ich könnte mir neben neuen Konzertreihen, etwa für die klassische Big-Band-Schiene, auch so etwas wie einen Freundeskreis oder einen künstlerischen Überbau in Form eines Symposiums vorstellen. Bislang ist wirklich schon eine ungeheure Fülle entstanden, von Workshops über Ausstellungen bis hin zum Aufbau eines unverzichtbaren Netzwerks. Und aus jeder Veranstaltung erwachsen neue Ideen. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie Gunter Hampel zusammen mit Schülern mit Basketbällen musiziert hat. So etwas wäre bestimmt auch wieder einmal spannend.
FRAGE: Fallen Ihnen spontan besondere Anekdoten aus den zurückliegenden 15 Jahren ein?
DUDEK: Mit den vielen Künstlern erlebt man natürlich jede Menge. Der amerikanische Gitarrist Mike Stern wollte etwa eine Dreiviertelstunde vor Konzertbeginn noch einmal ins Hotel gefahren werden, um eine Runde zu schwimmen, das hat mich schon etwas verblüfft. Generell stimmt aber die Beobachtung von Karin Krömer von Kultur123, dass Jazzmusiker eine ganz besondere Spezies von extrem netten Menschen sind. Selbstverständlich sind sie sehr anspruchsvoll, wenn es um ihre Musik geht, ansonsten aber ganz entspannt im Hier und Jetzt.
FRAGE: Wie würden Sie Ihre Bilanz nach 15 Jahren „Jazz-Fabrik“ formulieren?
DUDEK: Die „Jazz-Fabrik“ ist in meinen Augen ein Erfolgsmodell und ein großer Identifikationsfaktor für die Stadt. Man muss nur einmal schauen, wie viele junge Musikerinnen und Musiker im Laufe der Zeit die Big Bands an der Kantschule durchlaufen und wie viele Verbindungen dank des „Jazz-Netzwerks“ bis heute Bestand haben. Was uns am Anfang motiviert hat, war zu zeigen, wie viele Menschen in Rüsselsheim mit großer Leidenschaft und vollem Einsatz für Jazzmusik aktiv sind. Ich denke, das ist uns gelungen.
Verfasst am: Mittwoch, 04.01.2012 18:50 Uhr
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